SETTIMIO BENEDUSI, DIE FOTOGRAFIE STELLT SICH IN FRAGE

Kurze Geschichte eines Fotografen, der den Weg der Wahrheit gewählt hat

SETTIMIO BENEDUSI, DIE FOTOGRAFIE STELLT SICH IN FRAGE
Hätte er vor einem Jahrhundert gelebt, würden wir ihn heute als Dadaisten definieren. Doch Settimio Benedusi , Fotograf mit Sprengkraft, ist noch etwas anderes: er ist von Beruf aus ehrlich. Er schmückt sich nicht gern mit - seiner Meinung nach - unverdienten Titeln und hat auch keine Angst davor, die Fotografie an sich, die sein Hauptberuf ist, in Frage zu stellen. In der Tat hat Benedusi für Hochglanzmagazine wie Sport Illustrated (als einziger Italiener, der sieben Jahre in Folge an der internationalen Ausgabe beteiligt war), Panorama und Vogue gearbeitet. Doch auch wenn er Berühmtheiten von Rang und Namen abgelichtet hat, ist er stets ein scharfer Beobachter geblieben, der nicht davor zurückschreckt, sein Handwerkszeug zu hinterfragen, auch wenn dies bedeutet, dessen Grenzen und Problematiken aufzudecken.

2014 schickte er im Zuge der Aktion Amore Rivelato seinen Friseur los, der mit verbundenen Augen Fotografien machen sollte, und schaffte es, eine davon ausgerechnet in der italienischen Vogue zu veröffentlichen. Das Fragezeichen in den Arbeiten von Benedusi ist klar erkennbar: braucht die Fotografie wirklich einen Fotografen, um zu kommunizieren? Und wenn dies ein Fotograf sagt, dann heißt das, seine eigene Existenzberechtigung in Frage zu stellen. Als eklektischer Künstler, der Grenzen austestet, zögert Settimio nicht, sich in neue Initiativen mit häufig situationsgebundenem Charakter zu stürzen, bei denen das Spiel mit dem Unvorhergesehenen zu einer Gelegenheit wird, neue Arten der Kommunikation zu schaffen. Dazu bedient er sich nicht nur der Fotografie, denn er ist auch einer der ersten Fotografen mit einer Website : seit 2003 führt er einen persönlichen Blog, in dem er Gedanken, Überlegungen und sogar Schmähreden festhält, in denen seine Ehrlichkeit und Unmittelbarkeit deutlich werden. Benedusi wurde in Imperia geboren, lebt jedoch seit über zwanzig Jahren in Mailand und stellte 2016 seine Passion auf originelle Weise noch weiter auf die Probe.

Die Idee, die Strecke zwischen den beiden Städten zu Fuß zurückzulegen, die anfänglich rein symbolischen Wert hat, wird zu einer Gelegenheit, eine Frage zu beantworten, die ihn nicht loslässt: hat der Fotograf noch einen Wert? Die Antwort ist ja: denn auf der zehntägigen Wanderung findet er Stärkung bei den Familien, auf die er trifft, während er Kost und Logis gegen das eintauscht, was er am besten kann: Porträts. Denn die größte Liebe Settimios sind Gesichter: bekannte und weniger bekannte, junge oder von den Falten der Gefühle, die sie übermannt haben, durchzogene, gutmütige oder entschlossene Blicke.

Benedusi porträtiert jeden, der bereit ist, ihm die ungeschminkte Verletzlichkeit seines Gesichts anzubieten. Seine Achtung vor jeder Person lässt ihn deren Persönlichkeit diskret und mit Takt zum Vorschein bringen, denn Settimio stellt seine Kunst in den Dienst einer kollektiven Geschichte, in der das Menschsein sich selbst erzählen und anhand dieser Erzählung lernen kann, sich wie in einem Spiegel zu entdecken.
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